Eine Geschichte aus Malsch

20. Juli 2018  Allgemein

Wenn Menschen bedroht sind,
wenn sie fürchten müssen,
dass ihre Kinder sterben,
wenn der Ort, an dem sie sind,
nichts mehr Lebenswertes hat,
wenn es nicht genug zu essen gibt,
wenn man fürchten muss, umgebracht oder gefoltert zu werden,
dann verlassen Menschen den Ort, an dem sie sind. Sie müssen nicht wie Tiere ausharren und einfach auf den Tod warten. Sie machen sich auf den Weg.

So handeln Menschen schon seit vielen tausend Jahren. Heutzutage auch. So viele Menschen auf der Flucht wie heutzutage, gab es noch nie auf der Erde. Diese Menschen brauchen unseren Schutz. Sie brauchen für einige Zeit oder für immer einen neuen Ort an dem sie leben können.

Unsere westlichen Gesellschaften sind für Flüchtende verantwortlich. Sehr viele Menschen sind auf der Flucht, weil in ihren Ländern Kriege vom Zaun gebrochen wurden. Von einem Staat der es seit Jahrzehnten immer wieder darauf anlegt, neue Kriege zu entfachen. Das Imperium, die Vereinigten Staaten von Amerika, haben gerade auch in der jüngeren Vergangenen flächendeckend Unheil über ganze Völker gebracht.

Beispiele sind:

der Drohnenkrieg mit jährlich über 500 Toten, den die USA in Afghanistan, Pakistan, Irak, Syrien, Somalia, Jemen und Libyen ohne UN-Mandat führen, völkerrechtswidrige Angriffe auf Syrien, die Einmischung in Politik und Wahlen zahlreicher Länder durch aus den USA finanzierte “transatlantische Thinktanks”, den Irakkrieg, den Afghanistankrieg.

Auch durch unser unerbittliches, die Ökologie zerstörendes, asoziales Wirtschaftssystem geraten Millionen von Menschen in Not und sehen keinen anderen Ausweg als zu flüchten.

Der nun folgende Text wurde uns gesandt vom „Ettlinger Bündnis gegen Rassismus und Neonazis“. Vielen Dank dafür!

Es ist interessant, das Schicksal von Menschen kennen zu lernen, die aus unserer Gegend stammen, – Flüchtlinge aus Mittelbaden.

 

2018 wie 1938: kein sicherer Hafen, „Transitlager“, Abschiebung …

1938 erklären Vertreter westlicher Demokratien in Evian am Genfer See, ihre Staaten könnten keine Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland aufnehmen. Am 13. Mai 1939 verlässt das Passagier-Schiff St. Louis den Hamburger Hafen Richtung Kuba, beladen mit über 900jüdischen Flüchtlingen, unter ihnen auch 21 Menschen aus Malsch südlich von Karlsruhe. Die Regierungen der USA und Kubas verweigern den Passagieren die Einreise, das Schiff muss zurück nach Europa. Die fast Geretteten können nach über einem Monat Irrfahrt am 17. Juni in Antwerpen an Land, nachdem sich wenige europäische Staaten endlich zur Aufnahme bereit erklärt haben. Einige der aus Malsch Geflohenen landen ungefragt in Belgien.Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Belgien im Mai 1940 sind sie wieder im Herrschaftsbereich der Nazis. Josef Kaufherr wird nach Frankreich verschleppt und im „Aufnahmelager“ Gurs eingesperrt siehe https://druckschrift-ka.de/kein-sicherer-hafen/ Die Nazis deportieren ihn mithilfe der französischen Behörden 1942 über das „Transitlager“ Drancy ins Vernichtungslager Auschwitz. Ab 1942 sperrt die Nazi-Besatzungsmacht alle Juden in Belgien, auch die aus dem „Reich“ geflüchteten, in das „Transitlager“ Mechelen. Ab 4. August 1942 gehen von dort Transporte in das Vernichtungslager Auschwitz. Nach der Abweisung in Häfen in Kuba und den USA und nach der Internierung im „Transitlager“ in Mechelen gibt es nach der Verschleppung nach Auschwitz keinen Grabstein für die aus Malsch Geflohenen. An die Schicksale von Betty, Hannelore und Josef Kaufherr, Salomon Lehmann sowie Isidor und Karolina Löb erinnern heute Stolpersteine in Malsch. Sind diese – und andere Stolpersteine wirklich Mahnung, also eine Aufforderung, etwas Bestimmtes zu tun ?

Die Flüchtenden heute wollen nicht weg aus Europa, sondern suchen Rettung in Europa, doch die Häfen bleiben für die nicht Ertrunkenen so gut wie gesperrt. Das Wort „Aufnahmelager“ ist im verlogenen Euphemismus „Anker“-Zentrum zur „Ankunft“ mutiert. Die SPD in der großen Koalition hat es hingekriegt, dass aus dem früheren Wort „Transitlager“ eben „Transit-Zentrum“ geworden ist. Derweilen versaufen Flüchtende im Mittelmeer.

Seenot-Rettung tut Not. Auch wenn es unnütz oder gar sinnlos erscheint: Es gibt bindende Regeln für alle Staaten der EU, wie sie mit Menschen, die über das Mittemeer nach Europa zu gelangen suchen, umzugehen haben – siehe: http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/newsletter/126423/fluechtlingsschutzes-auf-hoher-see  und https://de.wikipedia.org/wiki/Grundsatz_der_Nichtzur%C3%BCckweisung#cite_note-11  

Es gibt zu tun:

Das Festhalten an diesen Normen ist das Mindeste, was politische EntscheidungsträgerInnen in Gemeinderäten, Landtagen, im Bundestag und im Europäischen Parlament einzufordern haben. Bisher haben sich nur der Bundestags-Abgeordnete Michel Brandt (Die Linke) und der SPD-Ortsverein Karlsruhe Weststadt-Nordstadt zugunsten der Flüchtenden eingesetzt –
siehe:  
https://www.youtube.com/watch?v=HWJe4DtpLrA und
https://www.spd-ka-weststadt.eu/meldungen/ortsverein-lehnt-transitzentren-strikt-ab/

Weitere entsprechende Kontaktdaten von EntscheidungsträgerInnen finden sich unter: https://www.karlsruhe.de/b4/gemeinderat/abgeordnete.de

(Informationen über die 21 jüdischen Menschen aus Malsch auf der St. Louis stehen unter: https://www.heimatfreunde-malsch.de/historisches/links-bei-den-hf/irrfahrt-der-st-Louis/)

 B. u. G. Brändle, Karlsruhe, Juli 2018